Spitzensport in familiärer Atmosphäre: Der TSV Ludwigshafen
Spitzensport in familiärer Atmosphäre: Der TSV Ludwigshafen
Der TSV Ludwigshafen ist ein kleiner, sehr familiärer Mehrspartenverein, in dem eine echte Randsportart seit Jahrzehnten eine Hauptrolle spielt: Prellball. Was nach Nische klingt, ist hier Leistungssport auf höchstem Niveau. Mehrere Deutsche Meistertitel sowohl im Seniorenbereich, als auch in der Leistungsklasse Bundesliga – die beeindruckende sportliche Kontinuität macht den Verein zu einer festen Größe in der deutschen Prellball-Szene. Gleichzeitig ist der TSV ein wichtiger Anker für Kinder- und Jugendsport in Ludwigshafen-Nord – kämpft aber, wie viele Vereine, weniger um Talente als um ehrenamtliche Unterstützung. Im Rahmen unserer Aktion „Euer Engagement mit WOW-Faktor“ haben wir die Ludwigshafener Prellballer*innen beim Training in der Goethe-Schule Nord besucht, mitgespielt, zugehört – und einen Verein kennengelernt, der weit mehr ist als seine sportlichen Erfolge.
Prellball beim TSV: Spitzensport aus der Randsportart
Wer Prellball noch nie gesehen hat, unterschätzt es schnell. Das Spiel ist rasant, technisch anspruchsvoll und taktisch komplex. Der Ball wird mit der Faust oder dem Unterarm zunächst ins eigene Feld „geprellt“ und anschließend über eine nur 40 Zentimeter hohe Leine ins gegnerische Feld gespielt. Dort darf er idealerweise nicht mehr kontrolliert angenommen werden. Gespielt wird auf einem 8 mal 16 Meter großen Feld in Teams mit drei bis vier Personen. Die Spielstruktur erinnert an Volleyball: Annahme, Aufspiel, Angriff – nur eben dichter am Boden, schneller, kompakter.
Der TSV Ludwigshafen ist in dieser Disziplin eine nationale Hochburg. Die erste Männermannschaft blickt auf eine beeindruckende Serie von fünf Deutschen Meistertiteln in Folge zurück. Bei der Deutschen Meisterschaft 2026 sicherte sich das Team einen starken zweiten Platz und gehört auch in der Bundesliga Süd weiterhin zur Spitze. Auch im Seniorenbereich feiert der Verein regelmäßig Titelgewinne, zuletzt bei den Männern 60. Hinzu kommen zahlreiche Ausrichtungen nationaler Meisterschaften. All das aus einem Verein mit knapp 200 Mitgliedern – ein echtes Underdog-Phänomen.
Der sportliche Reiz liegt für viele Spieler in der Mischung aus Geschwindigkeit, Teamwork und strategischem Denken.
„Wir kommen ursprünglich aus drei unterschiedlichen Mannschaften“, erzählt ein Spieler der Bundesligamannschaft, „aber wir sind als Team extrem zusammengewachsen.“ Was sie verbindet, ist nicht nur Ehrgeiz, sondern echte Freundschaft. Gemeinsame Ausflüge, Weihnachtsfeiern, intensive Trainingswochen – Prellball ist hier Sport und sozialer Raum zugleich. Wer neu dazukommt, wird schnell aufgenommen.
Trotz des hohen Leistungsniveaus herrscht kein elitäres Klima. Im Gegenteil: Beim Training dürfen auch wir direkt mitspielen. Man wird integriert, nicht geprüft. Und ja – vielleicht liegt genau darin die besondere Stärke dieser Randsportart: Wer sie entdeckt, tut das bewusst. Nicht, weil überall Fußballplätze stehen, sondern weil man etwas Eigenes sucht.
Ein Verein, der Familien groß werden sieht
Laura, 37, ist seit ihrer Geburt dabei. Ihre Eltern, ihr Bruder, ihr Vater – alle waren oder sind aktiv. Vom Eltern-Kind-Turnen über Faustball bis Prellball hat sie jede Station durchlaufen. Heute steht sie selbst als Übungsleiterin in der Halle, in der sie früher trainiert wurde.
Ähnlich geht es Hanna, 32. Auch sie ist durch ihre Mutter in den Verein hineingewachsen, war als Kind im Turnen und im Faustball aktiv und leitet heute die Tanzgruppe „TSV Tanzmäuse“. Beide sind berufstätig, beide engagieren sich ehrenamtlich – und beide betonen, wie wichtig es ihnen ist, Kindern genau das zu ermöglichen, was sie selbst erfahren durften: Gemeinschaft im Sport.
Die Atmosphäre im Verein ist betont familiär. Man kennt sich seit Jahren, manchmal seit Jahrzehnten. Eltern spielen mit, Kinder wachsen hinein, ehemalige Jugendspieler stehen heute im Vorstand. Der aktuelle Vorsitzende ist 37 Jahre alt, sein Stellvertreter gerade 32. Der Vorstand wurde in den vergangenen Jahren bewusst verjüngt – Verantwortung wird weitergegeben, nicht festgehalten. Das Engagement ist generationenübergreifend organisiert und gerade für die Kleinen wird viel angeboten.
Kindertanzen
Hanna betreut donnerstags von 17:00 bis 17:45 Uhr die Tanzgruppe für Kinder ab etwa sechs Jahren, in der aktuell ausschließlich Mädchen tanzen. Die „Tanzmäuse“ treten bei Sommerfesten und Weihnachtsfeiern des Vereins auf und sind für viele Kinder ein wichtiger Ort, um Selbstbewusstsein auf der Bühne und ein starkes Gemeinschaftsgefühl zu entwickeln.
Kinderturnen, Tanzmäuse und Ballspielstunde
Der TSV Ludwigshafen versteht sich nicht nur als Leistungssportstandort, sondern als Verein, der Kindern früh Zugang zu Bewegung und Mannschaftssport ermöglichen möchte. Herzstück sind mehrere Angebote, die nahtlos ineinandergreifen – vom ersten Balancieren bis hin zum Prellball-Nachwuchs.
Eltern-Kind-Turnen (ca. 1–3 Jahre):
Dienstags von 17:00 bis 18:00 Uhr toben die Kleinsten gemeinsam mit ihren Eltern durch die Halle, sobald sie sicher laufen können. Im Mittelpunkt stehen motorische Grundlagen – Klettern, Krabbeln, Balancieren – und das erste spielerische Kennenlernen von Gerätelandschaften.
Kinderturnen (ca. ab 4 Jahre):
Danach geht es ohne Eltern weiter: Von 18:00 bis 19:00 Uhr findet dienstags die allgemeine Kinder-Turnstunde statt. Die Kids bleiben mit den Übungsleiterinnen in der Halle, trainieren Koordination, Gleichgewicht und Mut, wenn es über Bänke, Kästen und Matten geht. Neben Spaß am Bewegen geht es auch darum, sich in einer Gruppe zurechtzufinden und erste Regeln einzuhalten.
Ballspielstunde:
Direkt im Anschluss leitet Laura donnerstags ab 17:45 Uhr die Ballspielstunde, die bewusst breit angelegt ist: Fangen, Werfen, das „Nicht-mehr-den-Kopf-wegdrehen“ vor dem Ball – und zugleich die ersten Schritte Richtung Prellball. Mit offenen Händen und später der Faust wird der Ball kontrolliert auf den Hallenboden geprallt, bis aus einfachen Übungen echte Spielzüge entstehen.
Viele Kinder bleiben über Jahre in diesen Gruppen; einige kennt das Trainerinnen-Team inzwischen seit fünf Jahren und länger. Gleichzeitig zeigt sich dabei auch eine Herausforderung: Spätestens mit dem Wechsel auf die weiterführende Schule kollidieren Schulalltag, Hausaufgaben, AGs und andere Verpflichtungen mit den Trainingszeiten – ein Problem, das weit über den TSV hinaus viele Sportvereine beschäftigt.
Zwischen Hemshof, Hallenwirklichkeit und Ehrenamt
Trainiert wird in der Goethe-Schule Nord – einem zentralen Standort mitten im Hemshof, der den Verein ideal mit Familien aus der Nachbarschaft verbindet und leicht erreichbar macht. Die Mitgliedsbeiträge sind bewusst niedrig und gelten vereinsweit für alle Angebote, sodass auch Familien mit kleinerem Budget Sport und Gemeinschaft genießen können – das stärkt die Vielfalt und schweißt die Community zusammen. Trotz einiger Herausforderungen wie Baumaßnahmen, zugigen Fenstern im Winter oder knappen Parkplätzen – die zuweilen auch schon Teilnehmerinnen aus den Frauenkurse kosteten – profitiert der TSV enorm von der großzügigen Hallenpolitik Ludwigshafens: Kostenlose Trainings- und Spielzeiten sind hier Standard, anders als in manchen Nachbarbundesländern, wo Vereine Miete zahlen müssen. So bleibt der Fokus auf dem Wesentlichen: Bewegung, Spaß und Zusammenhalt. Finanziell ist der Verein gesund aufgestellt: Die moderaten Mitgliedsbeiträge sowie Spenden von Privatpersonen und Unterstützern reichen, um den Sportbetrieb zu finanzieren. Fahrten zu Meisterschaften werden zentral abgerechnet; Übernachtungen und Anreise für aktive Spielerinnen und Spieler übernimmt der Verein, während Begleitpersonen ihre Kosten selbst tragen.
Gesucht: Menschen, die mitgestalten
Was dem TSV nicht fehlt, sind sportliche Erfolge oder interessierte Kinder. Die Kindergruppen sind voll, Anfragen kommen regelmäßig. Was fehlt, sind Menschen, die Verantwortung übernehmen. Übungsleiterinnen, Helfer, Engagierte, die bereit sind, eine Stunde pro Woche zu investieren. Gerade in der Jugendarbeit ist die Belastung hoch. 15 Kinder allein in einer kleinen Halle zu betreuen, ist anspruchsvoll. Und viele potenzielle Trainerinnen und Trainer arbeiten im Schichtdienst oder sind beruflich stark eingebunden. Der Verein steht sportlich und finanziell gut da. Doch die Zukunft hängt – wie so oft im Ehrenamt – an Menschen, die sagen: Ich mache mit. Wer also eine ungewöhnliche Sportart kennenlernen möchte, wer Kinder in Bewegung bringen will oder selbst Teil einer eng verbundenen Sportfamilie werden möchte, findet beim TSV Ludwigshafen offene Türen. Trotz Bundesliga-Niveau und Deutscher Meistertitel ist die Hemmschwelle niedrig. Wir wurden sofort integriert, durften mitspielen und wurden direkt ins nächste Training eingeladen.
Prellball-Neulinge, sportliche Rückkehrer*innen, tanzbegeisterte Kinder und engagierte Erwachsene sind hier willkommen. Und vielleicht liegt genau darin das größte Potenzial dieses „versteckten Sportjuwels“: Es zeigt, dass große sportliche Erfolge und echte Gemeinschaft kein Widerspruch sind – sondern sich gegenseitig tragen. Wer gerne mehr über die Angebote des Vereins erfahren möchte, findet weitere Informationen auf der Website des Vereins.
Text: Andy Heinrich, Bilder: Murat Bilir
Andy ist echter Ludwigshafener. Er weiß welche Treppe in der Innenstadt wie viele Stufen hat. Außerdem findet er, Ludwigshafen kann was. Deshalb möchte er zeigen, was seine Heimatstadt zu bieten hat. Er betreibt er mit seinen Kolleg*innen das WOW Magazin und initiiert eine Vielzahl von Kulturprojekten.
Text: Andy Heinrich
Bilder: Murat Bilir
Andy ist echter Ludwigshafener. Er weiß welche Treppe in der Innenstadt wie viele Stufen hat. Außerdem findet er, Ludwigshafen kann was. Deshalb möchte er zeigen, was seine Heimatstadt zu bieten hat. Er betreibt er mit seinen Kolleg*innen das WOW Magazin und initiiert eine Vielzahl von Kulturprojekten.
