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europa_morgen_land feiert 22 Jahre

Lesungen, Gespräche und Begegnungen zum Jubiläum

Die Veranstaltungsreihe europa_morgen_land begeisterte auch dieses Jahr zu ihrem 22. Jubiläum mit neuester deutschsprachiger Literatur und einem abwechslungsreichen Programm. Man hielt an dem langjährig bewährten Konzept fest: Lesen, hören – und miteinander sprechen. Das Programm spiegelte eine vielfältige Literatur- und Kulturlandschaft wider, die sich im letzten halben Jahrhundert ausgebildet hat und die nicht denkbar gewesen wäre, ohne die Einwanderungsgeschichte unseres Landes. Neben Lesungen, Symposien und Autorengesprächen, konnten auch zahlreiche Workshops besucht werden, in denen die Teilnehmer:innen kreativ sein durften und ihre eigenen lyrischen Qualitäten austesten konnten. Die Lesereihe europa_morgen_land wird seit dem Jahr 2000 in Kooperation mit dem Kulturamt Mannheim, dem Kulturbüro der Stadt Ludwigshafen am Rhein, mit der Stadtbücherei Frankenthal (seit 2015) und den Vereinen Kultur-Rhein-Neckar e.V. und KulturQuer QuerKultur-Rhein-Neckar e.V. arrangiert und gemeinsam an unterschiedlichen Orten der Metropolregion Rhein-Neckar veranstaltet.

„Mein Kopf ist ein KOPFORCHESTER, in dem sich mehrere Sprachen unterhalten und manchmal auch in die Quere kommen.“

Die Worte der Autorin Ilma Rakusa hätten keine passendere Umschreibung sein können, für das Phänomen der Mehrsprachigkeit – eine der Gemeinsamkeiten, welche die Autor:innen der Veranstaltungsreihe miteinander teilen. Viele von ihnen haben ihre Wurzeln in Mittel- oder Osteuropa, sprechen verschiedene Sprachen und setzen sich mit Deutsch als erlernte Fremdsprache auseinander, verfassen sogar ihre Werke in der Deutschen Sprache. Der Blick von europa_morgen_land richtet sich auf diese „neue deutsche Literatur“, die nicht nur im Bezug auf die literarischen Mehrsprachichkeit der Autor:innen besonders ist, sondern auch in Bezug auf die persönlichen Geschichten, die die Autor:innen mitbringen und erzählen wollen. Eben diese Geschichten können auch das Leben anderer bereichern, denn Literatur bietet für uns die Möglichkeit, fremde Personen, Länder, Kulturen und andere Lebensrealitäten zu entdecken und neu zu betrachten. Literatur erweitert unser Mindset und schafft Verständnis! 

Das Jubiläumsprogramm begann mit der Ausstellungseröffnung von „Alois Nebel. Leben Nach Fahrplan“ im Ernst-Bloch-Zentrum in Ludwigshafen. Alois Nebel ist eine Graphic Novel, welche vom Schriftsteller Jaroslav Rudiš verfasst und schließlich vom Zeichner und Musiker Jaromír 99 grafisch umgesetzt wurde. Die Geschichte entführt ihre Leser:innen ins verlassene Altvatergebirge und handelt von der dunklen Vergangenheit Mitteleuropas. Hauptcharakter ist der Einzelgänger – Alois Nebel – der das Sammeln alter Fahrpläne der Gesellschaft von Menschen vorzieht. Im Rahmen der Ausstellungseröffnung entführte uns Jaroslav Rudiš in die Seiten seines Buches. Stark vergrößerte Ausschnitte wurden in Form einer Zuglandschaft auf schwarz-gelben Holzvorrichtungen an den Wänden des Ernst-Bloch-Zentrums befestigt. Die Landschaft erstreckte sich vom Ausstellungsraum, über das Treppenhaus, bis in die Toilettenräume des Hauses. Überall erhielt man Einblicke in die packende Graphic Novel.

Es folgten eine Videoinstallation von Steffen Kayser in der Stadtbücherei Frankenthal und verschiedene Workshops in Ludwigshafen, Frankenthal und Mannheim. Schwerpunkt der Literaturreihe bildeten jedoch die drei Symposien „Auf-Brüche“, „Sprach-Welten“ und „Frei-Räume“. Hier wurde bei ausgewählter Musik und gutem Essen ein gemütlicher Rahmen geschaffen, in dem die Teilnehmenden mit den Autor:innen ins Gespräch kommen und miteinander diskutieren konnten. 

Für das erste Symposium „Auf-Brüche“ wurden die Autor:innen Carmine Gino Chiellino und Emilia Smechowski zu einem gemeinsamen Talk eingeladen. Im mannheimer Port25 sprachen sie  über die Herausforderungen des Ankommens oder des „Sich-Einwebens“, wie es Chiellino, der Sohn einer Weberin, so treffend umschrieb.

Die Autor:innen stellten sich gemeinsam Fragen wie: Was bedeutet es, sein Land zu verlassen und in einem anderen Land und Kulturkreis anzukommen, dessen Sprache man nicht oder kaum spricht? Wie schreibt man in der neu erlernten deutschen Sprache? Wie werden Erfahrungen und Gefühle über die Aufnahme in die deutsche Kultur beschrieben? 

„Kein Tag ohne Zeile“ – So beschrieb die Lyrikerin Ilma Rakusa im zweiten Symposium der Veranstaltungsreihe ihre tägliche Schreibroutine. Die gebürtige Tschechin spricht fünf europäische Sprachen und beschrieb das Durcheinander in ihrem Kopf, mit dem sie morgens erwacht, kunstvoll als ein „Kopforchester“. Ilma Rakusa, Lena Gorelik und Tomer Gardi gingen im zweiten Symposium „Sprach-Welten“ in Lesungen und Gesprächen der Bedeutung von Sprachenvielfalt nach. Und es wurde wild, denn Mehrsprachigkeit ist für die Künstler:innen der Normalfall. Dies lassen die Drei auf bizarre Art und Weise in ihre Texte mit einfließen. Deutschsprachige Texte mit russischen Wörtern versehen, das Wandeln zwischen fünf Sprachen gleichzeitig oder die deutsche Sprache provokant inkorrekt darstellen, all das ist für die Künstler:innen kein Problem! Als Ausgleich zu der anspruchsvollen Lyrik gab es in den Pausen Führungen durch die Ausstellung „Alois Nebel. Leben nach Fahrplan“, Live-Musik mit Cello und Akkordeon und gutem hausgemachtem Essen. 

„Es öffnen sich andere Assoziationswelten, wenn ich auf Hebräisch schreibe, oder auf Deutsch. Ich befinde mich in anderen Fantasiewelten.“ Tomer Gardi

Europa_morgen_land, ©Joelle Oechsle

Welches utopische Potential hat Literatur?

Mit dieser Frage beschäftigt sich das letzte der drei Symposien der Veranstaltungsreihe. Die Autorinnen Irena Brežná und Tanja Maljartschuk nahmen Bezug auf globale und politische Geschehnisse und setzen sich in ihren Werken gegen Gewalt, gegen Willkür und für Menschenrechte ein. Politische Poesie oder Schreiben als Akt des Erinnerns oder des Aufklärens. So könnte die Arbeit der Autorinnen umschrieben werden. Grußworte von Prof. Dr. Cornelia Reifenberg, der Bürgermeisterin der Stadt Ludwigshafen am Rhein sowie Katharina Binz, Ministerin für Familie und Musik des Akkordeonspielers Viktor Pantiouchon, rundeten das Rahmenprogramm des letzten Symposiums ab.

Präsentiert wurde uns eine facettenreiche, vielgestaltige Literaturszene. Die Lesereihe europa_morgen_land wurde ihrem Anliegen, Literatur live zu erleben, neue Autor:innen zu entdecken und mit ihnen ins Gespräch kommen, absolut gerecht. Wir freuen uns bereits jetzt auf die Gespräche und Begegnungen mit den Autor:innen im kommenden Jahr und lassen uns gerne wieder mit neuer deutscher Literatur überraschen! Bis dahin blättern wir uns durch die fesselnden Seiten der nun neu entdeckten Werke. 

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