Zwischen Riesling und Rathaus: Klaus Blettner bei Wort & Wein

Zwischen Riesling und Rathaus: Klaus Blettner bei Wort & Wein

Samstagabend gegen 19:30 Uhr: Das gläserne Foyer des Theaters im Pfalzbau liegt in warmem Licht, Gläser funkeln, ein leises Raunen der Vorfreude liegt in der Luft. Die erste diesjährige Ausgabe von „Wort & Wein“ ist für uns – obwohl wir öfter das Theater besuchen – tatsächlich eine Premiere. Gastgeber und Moderator Tilman Gersch gelingt ein Abend, der anregende Gespräche, Pfälzer Wein sowie musikalische und performative Akzente mühelos miteinander verknüpft. An drei langen, festlich gedeckten Tafeln sitzen die Gäste beisammen: Ludwigshafenerinnen und Ludwigshafener, aber auch Besucherinnen und Besucher aus der Metropolregion und der Pfalz, die gekommen sind, um den neuen Oberbürgermeister in entspannter Atmosphäre und bei gutem Wein besser kennenzulernen.

Wein, Herkunft und gelebte Geschichte

Gersch eröffnet die Runde entspannt mit dem Winzerpaar Anna-Barbara Acham und Vincent Trösch vom Weingut Acham-Magin in Forst. Das seit fast 30 Jahren verbundene Paar erzählt die Geschichte ihres Weinguts wie eine Familiensaga: Gegründet 1711 nach dem Pfälzischen Erbfolgekrieg, als Johann Wilhelm Reichert und eine zehn Jahre ältere Bäuerin aus Trümmern neu aufbauten. „Eines der allerersten Häuser in Forst, weit vor Bassermann-Jordan„, erzählte Anna-Barbara mit leuchtenden Augen. Der Name Acham-Magin ehrt alte Linien und Traditionen, die über Generationen weitergegeben wurden – etwa den Gutsausschank, der bis ins Jahr 1711 zurückreicht.

Vincent Trösch, früher Meister bei der BASF, stieg 1991 in den Betrieb ein. „Nach Feierabend habe ich die Reben biodynamisch umgestellt – nach Rudolf Steiner“, erzählt er. Für ihn ist der Boden das Herzstück des Weins: „Der Saft kommt aus dem lebendigen Boden. Er muss riechen, Würmer haben, atmen.“ Handarbeit, Begrünung, ausgesetzte Würmer – diese Haltung ist keine Theorie, sondern gelebte Leidenschaft, die auch beim Publikum ankommt. Die erste Weinprobe folgt: Ein Forster Riesling Ortswein 2024, mineralisch-kräftig mit Aprikose und Zitrus aus Buntsandstein und Basalt. „Perfekt zur Pfälzer Platte oder Saumagen“, bemerkt Gersch augenzwinkernd. Zur Verkostung spielen die zwei Musikerinnen der städtischen Musikschule Emma Konanri und Nilay Altin „Ebraica“ und „Gola“ aus den 12 jüdischen Songs von Ricardo Joshua Moretti. Gersch hilft persönlich beim Ausschenken des Weines und leitet im Anschluss zum nächsten Programmpunkt über: seinem Gespräch mit Oberbürgermeister Dr. Klaus Blettner.

Zwischen Selbstironie und Verantwortung

Der frisch gewählte Oberbürgermeister, zuvor 15 Jahre Hochschulprofessor, spricht offen, mit pfälzischem Humor und spürbarer Ehrlichkeit über seine neue Rolle. Auf Gerschs Frage, warum er der Richtige für das Amt sei und mit welchen Fähigkeiten und Erfahrungen er sich überzeugen konnte, antwortete Blettner mit einem Mix aus Selbstironie und Ernst: „Ich glaube, ich habe ein breites Erfahrungsspektrum. Ein Freund schrieb mir nach dem Wahlsieg: ‚Jetzt stehst du in einer Linie mit Arnold Schwarzenegger!‘ Was er damit meinte, er ist in drei Bereichen erfolgreich gewesen, nämlich Sport, Schauspiel und Politik. Und ich war eben in der Wirtschaft, kam in die Wissenschaft und nun in die Politik. Und das finde ich irgendwie ganz schön. Wir sind ja heute Abend unter uns, deshalb verrate ich Ihnen ein Geheimnis, [er schaut ins Publikum] es ist tatsächlich das einzige Mal in meinem Leben, dass mich irgendjemand mit Arnold Schwarzenegger verglichen hat.“

Gersch erinnert daran, dass Blettner schon nach eineinhalb Jahren an der Hochschule Dekan des größten Fachbereichs geworden war. Ob er sich die Verantwortung aktiv gesucht habe? Blettner schildert, dass es oft Situationen gebe, in denen Verantwortung „droht“ – die einen würden kleiner, andere blieben stehen. Er sei eher der Typ, der sich nicht wegducke, sondern sage: „Ich nehme das gerne an.“ Dieses Muster habe ihn auch in die Hochschulleitung und schließlich ins Rathaus geführt.

Immer wieder wird das Gespräch durch künstlerische Einschübe unterbrochen: Passend zur zweiten Weinprobe zitiert die Bürgerbühne Shakespeare aus „Maß für Maß“, später erklingt die „Barcarole“ aus Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“, und der Beethovenchor setzt mit seinem Auftritt einen starken klanglichen Kontrapunkt. Diese Momente holen das Publikum aus dem Kopf zurück ins Erleben – und geben zugleich neue Impulse für das Gespräch.

Stadt, Fluss und Haltung

Ein zentrales Thema ist das Verhältnis der Ludwigshafenerinnen und Ludwigshafener zu ihrer Stadt. Blettner berichtet von rund 5.000 Haustürbesuchen im Wahlkampf, von denen „neun von zehn Begegnungen“ offen und freundlich gewesen seien. Politikfrust gebe es zwar, doch seine Erfahrung sei: Die Pfälzer seien bodenständig, weltoffen und empathisch.

Besonders eindrücklich wird sein Blick auf das Image der Stadt. Viele Menschen würden über Ludwigshafen zwar klagen doch zugleich gerne hier leben. Für ihn sei klar: Die Region biete enorm viel – guten Wein, gutes Essen, Nähe zum Elsass, schnelle Anbindung an Frankfurt. In der Stadt selbst gebe es starke kulturelle und soziale Angebote, die nicht selbstverständlich seien: ein engagiertes Publikum im Pfalzbau, eine sehr leistungsfähige städtische Musikschule, das Filmfestival als überregionalen Magnet, eine der schönsten Bibliotheken in Rheinland-Pfalz und ein häufig unterschätztes Museum. Seit seinem Amtsantritt fallen Kultur und Theater in seinen Zuständigkeitsbereich. Er betont, dass Kultur für ihn keine „freiwillige Leistung“, sondern eine Voraussetzung für gesellschaftlichen Zusammenhalt sei. Orte der Begegnung seien überlebensnotwendig – gerade in Zeiten, in denen vieles auseinanderzudriften drohe.

Ein sehr persönlicher Moment entsteht, als Gersch auf den Rhein zu sprechen kommt – eine Konstante in Blettners Biografie. Fast sein ganzes Leben habe er in Rheinnähe verbracht, beide Familienseiten seien stark von der Binnenschifffahrt geprägt. Seine Mutter sei in Rotterdam geboren worden – „auf der Durchfahrt“. Seine Eltern hätten sich auf dem Rhein kennengelernt, auf unterschiedlichen Schiffen: Schleppboot und Schleppkahn. „Mein Vater hat meine Mutter quasi abgeschleppt“, kommentierte er mit trockenem Humor.  Diese Verbindung über den Fluss beschreibt er als etwas anderes als die Bindung an einen einzelnen Punkt auf der Landkarte – eher ein Band, eine Region, in der man wisse, wo es besonders schön sei. Passend dazu erklingt im Laufe des Abends ein Ausschnitt aus Thomas Manns „Buddenbrooks“, Blettners erklärtem Lieblingsroman. Zum Verhältnis zu Mannheim sagt er, die oft zitierte Arroganz der Nachbarstadt nehme er heute kaum noch wahr. Beide Städte stünden vor ähnlichen Herausforderungen, und in der Metropolregion Rhein-Neckar liege großes Potenzial für gemeinsames Handeln. Symbolisch nennt er die gemeinsame Rheinbrückengesellschaft: Eine Brücke verbinde nicht nur – sie trenne auch, wenn sie fehle. Ein guter Grund, sie gemeinsam zu tragen.

Ein Abend mit Nähe und Optimismus

Besonders familiär wird der Abend durch kleine, persönliche Gesten: Tilman Gersch schenkt selbst Wein ein, seine Frau Barbara Wendland wird mit einer Zwischenfrage einbezogen. Es fühlt sich weniger wie eine formelle Veranstaltung an als wie ein Gespräch unter Freunden an langen Tafeln – genau diese Nähe macht „Wort & Wein“ aus.

Durch alle Themen des Abends zieht sich ein roter Faden: eine zugewandte, optimistische Grundhaltung, die Raum lässt für Probleme, ohne den Blick auf Möglichkeiten zu verlieren. Blettner macht keinen Hehl aus den Problemen der Stadt, legt den Fokus aber immer wieder auf Chancen, Verbundenheit und gemeinsame Verantwortung. Gerade als Zugezogener, der nicht mit den alten Bildern einer verschwundenen Fußgängerzone groß geworden sei, schaue er mit einem „wohlwollenden Blick“ auf Ludwigshafen. Genau diesen Blick wünschte er sich auch von den Bewohnerinnen und Bewohnern – nicht naiv, aber zugewandt.

Die dritte Weinprobe rundet diesen familiären Abend ab. Während die Gläser gefüllt werden, singt der Beethovenchor das bekannte Stück „Drunken Sailor“, die Gäste summen und singen mit, und für uns bleibt vor allem das Gefühl, etwas entdeckt zu haben: eine Veranstaltungsreihe, die Nähe schafft, ohne banal zu werden, und Inhalte bietet, ohne sich wichtig zu nehmen. Unser erstes „Wort & Wein“ war sicher nicht unser letztes – umso mehr freuen wir uns auf die nächste Ausgabe am 21. März im Theater im Pfalzbau.

Text: Andy Heinrich, Bilder: Kai Auffenfeld

Andy ist echter Ludwigshafener. Er weiß welche Treppe in der Innenstadt wie viele Stufen hat. Außerdem findet er, Ludwigshafen kann was. Deshalb möchte er zeigen, was seine Heimatstadt zu bieten hat. Er betreibt er mit seinen Kolleg*innen das WOW Magazin und initiiert eine Vielzahl von Kulturprojekten.

Text: Andy Heinrich
Bilder: Kai Auffenfeld

Andy ist echter Ludwigshafener. Er weiß welche Treppe in der Innenstadt wie viele Stufen hat. Außerdem findet er, Ludwigshafen kann was. Deshalb möchte er zeigen, was seine Heimatstadt zu bieten hat. Er betreibt er mit seinen Kolleg*innen das WOW Magazin und initiiert eine Vielzahl von Kulturprojekten.

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